Donnerstag, 3. Januar 2013

Die Anzeige des Täters

Wie es bei mir zur Anzeige eines der Täter kam, ist schon eine etwas merkwürdige Geschichte.

Alles fing damit an, dass ich zur Kur war, dort gab es auch eine psychiatrische Abteilung (ich war wegen Rückenproblemen dort hin geschickt worden). Als also die erst Untersuchung und das Ärztegespräch war, da habe ich allen Mut den ich hatte zusammen genommen und habe dem Arzt dort, er war ein Orthopäde, ganz knallhart ins Gesicht gesagt: "Ich bin ein sexuell missbrauchtes Kind und brauche psychologische Hilfe.". Dem Arzt ist fast alles aus dem Gesicht gefallen, ich werde den Anblick so schnell nicht vergessen.Er wusste garnicht was er sagen sollte, aber egal. Ich bekam auf jeden Fall 3 mal die Woche ein 50 Minuten Gespräch beim Leiter der Psychologie.

Ich hatte keine Ahnung was mich erwartete, aber der Typ war echt nett und mir auch sympathisch. Kurz gesagt, nach ungefähr 3 Stunden bei ihm merkte ich mit einen Mal, dass ich Nachts wieder schlafen konnte und nicht durch starke Rückenschmerzen wach wurde. Zum Abschluss bekam ich von dem Psychologen noch gesagt. ich müsse mir unbedingt zu Hause einen Therapeuten suchen, damit ich mit der Aufarbeitung weitermachen kann, ansonsten würden die Rückenschmerzen nach einige Zeit wieder kommen.

Zu Hause angekommen, wurde meine Tochter dann über einen langen Zeitraum schwer krank und ich hatte keine Zeit mich um einen Therapeuten zu bemühen.

Durch meinen Sohn wusste ich, dass man sich eine eigene Homepage erstellen kann und ich wollte es auch versuchen, allerdings alleine ohne Hilfe. Also suchte ich im Netz ein wenig und fand dann die Strato AG, die einen Homepage Baukasten anbot, für Menschen mit nicht so großen Kenntnissen.

Ich machte mich also ans Werk, und die ersten Sätze kosteten mich eine Menge Überwindung und auch Tränen. Aber die Homepage kam an und bald wurde ich gefragt, ob ich denn nicht ein Forum in meine Homepage einbauen wolle. Davon hatte ich noch weniger Ahnung, aber ich bin auch ein Mensch der gerne viele Dinge ausprobiert. Learning by doing.

Das erste Forum war auch ein kostenloses und nicht gesichert. Dort dann lernte ich eine junge Frau kennen, die mir mitteilte, dass sie noch immer missbraucht wird usw. Ich wollte helfen, das Helfersyndrom brach voll aus. Ich telefonierte sogar mit ihr. Es verlief allerdings so, dass sie mich anrief, angeblich hatte sie kein Telefon oder so, genau weiß ich es nicht mehr.

Nach einiger Zeit bekam ich von ihr einen Abschiedsbrief, indem sie mir ihren Suizid ankündigte.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen, was sollte ich tun. Ich konnte doch nicht einfach so darüber hinweggehen. Ich überlegte hin und her und dann hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich nahm alles mit was ich an Informationen über sie hatte. Druckte auch ihre IP-Adresse aus und die Mails, die sie mir geschrieben hatte. Dann machte ich mich mit dem Umschlag und was darin war auf den Weg hier zur Polizei. Dort auf der Wache sagte ich dann, dass ich eine Suizidankündigung bekommen hatte.

Man ließ eine Beamtin kommen und dann musste ich alles erklären. Wie es zu dem Kontakt kam und auch warum. Also beichtete ich, dass ich ein Opfer von sexuellem Missbrauch war. Die Beamtin war sehr sehr nett und sagte mir auch, sie müsste da sie nun Kenntnis von meinem Missbrauch hätte eigentlich anfangen zu ermitteln, aber ich solle mir doch überlegen, ob ich nicht eine Anzeige machen wolle. Es sei wichtig, auch wenn der Fall wie sie mitteilte schon verjährt war. Ich hatte 3 Jahre zu lange gewartet. Ich sagte ihr ich würde es mir überlegen und mich dann ggf, bei ihr melden.

Noch kurz zurück zu der Frau mit dem Suizid. Ich war kaum von der Anzeige wieder zu Hause und da klingelte auch schon mein Telefon und die Beamten von der Kripo, die Internetgeschichten bearbeiteten waren dran. Sie wollten noch einige Informationen haben. Ich war überrascht das das alles so schnell ging. Einige Tage später, bekam ich einen Anruf von einem Kripobeamten aus einem anderen Bundesland. Sie hatten die junge Frau gefunden und es hatte sich herausgestellt, dass alles was sie mir mitgeteilt und im Internet verbreitet hatte nur erfunden gewesen war. Ich wurde gefragt ob ich denn auch gegen die Frau Anzeige erstatten möchte, oder nicht. Ich verneinte, denn erstens war ich froh, dass sie lebte und zweitens hatte sie jetzt schon genug Ärger wegen Vortäuschung einer Straftat.

Ich war wieder einmal um eine Erfahrung reicher. Man darf nicht alles glauben, was im Internet verbreitet wird und sollte immer misstrauisch bleiben.

Das Forum nahm ich erstmal aus dem Netz. Später dann machte ich ein neues auf, diesmal kein kostenloses, dafür aber mehrfach gesichert und dieses Forum gibt es nun schon 8 Jahre.

Jetzt stand immer noch die Frage im Raum, soll ich Anzeige erstatten oder nicht. Ich schob es erstmal weg von mir. Das hatte ich die ganzen Jahre gemacht, denn mein Vater wusste nichts von allem und er war zu diesem Zeitpunkt schon schwer krank. Ich sagte mir immer ich mach das wenn mein Vater nicht mehr lebt, doch es sollte anders kommen.

Als ich in der Adventszeit mal wieder bei meinen Eltern war um zu helfen dem Tannenbaum draußen mit Lichterketten zu verschönern, da rief mich meine Mutter rein und meinte ich solle mal mitkommen, sie wolle mir was zeigen. Wir gingen ins Schlafzimmer und dort zeigte sie mir dann eine Weihnachtskarte, eine Weihnachtskarte vom Täter (er war der jahrelange Geliebte meiner Mutter). Das brachte das Fass zum überlaufen, ich wollte vergessen, aber meine Mutter ließ das einfach nicht zu. Immer wieder brachte sie ihn mir irgendwie in Erinnerung. Das sollte und musste aufhören.

Ich rief also die Polizeibeamtin an und sagte ich wolle nun doch eine Anzeige machen. Sie musste mich erstmal an die Sitte weiterleiten, denn bis dort war die Sache schon gekommen. Ich rief dort also an, aber diese Beamtin kam mir ganz blöd, sie meinte ich solle die Sache mal vergessen und mir lieber professionelle Hilfe holen. Ich sprach nochmal mit der ersten Beamtin und erzählte ihr davon. Für mich war die Sache nun eigentlich erledigt. Doch wieder kam es anders. Ich erhielt einige Tage später einen Anruf von der ersten Beamtin, die mir mitteilte, dass ihr Chef nun wollte das ich eine Anzeige mache. Wieder überlegte ich einige Zeit und dann rief ich an und sagte: "Ja, ich mache die Anzeige aber nur wenn die  Beamtin die aufnehmen würde." Das gestaltete sich zunächst schwierig, weil die Dame nur einen Teilzeitjob dort hatte. Wir fanden dann einen Termin, der allerdings abends um 22:00 Uhr war. Mir war es egal, der Vorteil war ja, dass dann dort auf der Wache nicht so viel los war.

Ein guter Freund fuhr mich an besagtem Abend dann zur Polizei und wartet auf mich. Der arme Kerl, er musste 2 Stunden warten.

Als ich hineinging und auf den Wachhabenden zu, da wusste der schon Bescheid und ließ gleich die Beamtin kommen. Wir gingen dann also in den Vernehmungsraum. Mir wurde was zu trinken angeboten und rauchen durfte ich auch, obwohl dort eigentlich Rauchverbot war.

Die erste Überraschung erlebte ich, als die Straftatbestände aufgenommen worden. Ich hatte nicht gewusst, dass ich meine Mutter automatisch mit anzeigte, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern.
Im großem und ganzen, lief die ganze Sache sehr locker ab. Es wurde zwischendurch gelacht und auch Pausen gemacht. Keine Sekunde hatte ich das Gefühl, dass man mir nicht glauben würde. Nach den besagten 2 Stunden kam dann der Chef von der Beamtin und sagte wir müssten Schluss machen, länger dürfte die Anzeigenaufnahme nicht dauern, wir waren aber auch schon fertig. Es wurde nur noch das Protokoll ausgedruckt und dann durfte ich es mir durchlesen und noch Änderungen vornehmen. Als die Beamtin die zweite Version vom Protokoll holen wollte, fragte ich sie, ob ich die erste mitnehmen können. Dies verneinte sie, meinte aber gleichzeitig, sie liegt ja auf dem Tisch und ich verlasse den Raum, wer weiß denn ob sie wenn ich wieder komme immer noch da liegt. Ich hatte begriffen und steckte die Erstversion ein.

Alles im allen habe ich sehr gute Erfahrungen bei der Polizei gemacht und ich würde es wieder machen, allerdings muss das jeder für sich selber entscheiden, denn man muss schon viele Details wiedergeben und das kostet Kraft.

Einige Wochen später wurde das Verfahren dann von der Staatsanwaltschaft eingestellt, wegen Verjährung aber ich hatte nun die Berechtigung einen Antrag auf Opferhilfe zu stellen. Das wurde mir dann aber erst einige Zeit später von der Opferhilfe mitgeteilt, eigentlich hätte die Polizei mich darauf aufmerksam machen müssen. Aber egal. Ich hatte Anzeige erstattet, der Täter war jetzt polizeilich bekannt und mir fiel einen große Last vom Herzen.

Nachdem das Verfahren eingestellt worden war und Weihnachten vorüber war, habe ich meiner Mutter dann telefonisch mitgeteilt, dass ich Anzeige erstattet hatte und si9e auch angezeigt habe, es aber leider verjährt war. Ihre einzige Reaktion, war nur zu sagen, dann kommt ja nun alles raus und den Hörer aufzulegen. Später beschimpfte sie mich dann noch auf dem Anrufbeantworter.

Ich habe dann meine Familie verloren, alle stellten sich gegen mich. Außer meinem Vater, denn dem wurde es verschwiegen und er hat es auch nicht mehr erfahren. Er ist vor einigen Jahren in Frieden gestorben.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen