Sonntag, 13. Januar 2013

Handbuch Rituelle Gewalt: Erkennen - Hilfe für Betroffene - Interdisziplinäre Kooperation

Folgendes Buch habe ich auch gelesen, denn es interessiert mich sehr, wie weit die Forschung und auch die Fachleute inzwischen sind.Es ist auch für Betroffene sehr gut lesbar, wenn man mit dem nötigen Abstand an die Sache heran geht.

Der erste Teil befaßt sich mit 'Strukturen und Methoden'. Es geht um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Ritueller Gewalt, um Dissoziative Identitätsstruktur als regelhafte Folge, um das Thema Macht, den Stand der Forschung in Deutschland. Ein Artikel (von Thorsten Becker) referiert den Stand des fachlichen Wissens zu ideologischen Kulten und Tätern, eine Überlebende vermittelt die auch rhetorische Unterdrückung durch Mitglieder einer christlichen Kirche. Sylvia Schramm (tiefenpsychologisch orientierte Traumatherapeutin) stellt die erschreckende Realtät der 'systematischen Kinder-Abrichtung in Deutschland' dar. Ein ehemals täteridentifizierter Überlebender referiert über Konditionierung und Programmierung im Interesse des Kults. (Wobei diese Techniken meiner unrepräsentativen Erfahrung nach nicht in jedem "Fall" derart ausgefeilt, geradezu wissenschaftlich praktiziert werden. Im übrigen können authentische Beziehungs- und Bindungserfahrungen erheblich dazu beitragen, derartige Konditionierungen aufzulösen. Die Darstellung sollte also HelferInnen/TherapeutInnen nicht davor abschrecken, sich auf Überlebende einzulassen!)

Im zweiten Teil findet sich ein Interview mit Monika Veith, einer Pionierin der therapeutischen Arbeit mit Überlebenden von Ritueller Gewalt, außerdem Berichte zu Möglichkeiten und Schwierigkeiten, Betroffenen beim Aussteig aus der Gewalt ideologischer Kulte zu unterstützen (Claudia Fliß sowie Melina, eine Überlebende).

Der dritte Teil des Buchs behandelt 'psychosoziale und medizinische Hilfen für Betroffene'. Besonders hervorheben möchte ich hier das Referat von Claudia Fliß zur 'ambulanten Psychotherapie'. Wegen der hohen Virulenz unterschiedlicher 'Rollen' (Zuschreibungen, Täterintrojekte, Überlebensformen, Altersgruppen) bei Überlebenden von Ritueller Gewalt ist die therapeutische Arbeit mit den einzelnen dissoziativen Persönlichkeiten hier unverzichtbar. (Mittlerweile ist dies wohl auch bei anderen Traumaüberlebenden mit DIS therapeutischer Standard.) Sehr deutlich werden Unterschiede der Therapie bei Betroffenen, die bis ins Erwachsenenalter in der Gewalt satanischer/ideologischer Kulte sind, zu erwachsenen KlientInnen, deren traumatisches Leid in der Kindheit liegt. Auch die therapeutische Situation bei Betroffenen vor und während dem Ausstieg aus der Tätergewalt wird nuanciert dargestellt. - Die Biologin und Ärztin für Naturheilverfahren Sabine Gapp-Gauß trägt mit einer 'ganzheitlichen Betrachtung des Heilungsprozesses bei Dissoziation' bei, die nicht nur aufgrund seiner deutlichen Psychiatriekritik zukunftsweisend sein könnte. - Andere Artikel behandeln die medizinische Versorgung, stationäre Therapie, Beratungsarbeit und Erfahrungen in Wohngruppen für Frauen mit Psychotraumatisierungen. Wiederum von Claudia Fliß ist eine Darstellung 'spezifischer psychischer Folgen', in dem unterschiedliche Diagnosen aus dem Blickwinkel möglicher Traumatisierung betrachtet werden.

Im vierten Teil des Handbuchs geht es um 'rechtliche Hilfen?' - nicht von ungefähr mit Fragezeichen, denn dies scheint im Zusammenhang mit Ritueller Gewalt ein recht hoffnungsloser Aspekt zu sein. Rudolf v. Bracken (Jurist), Manfred Paulus (Kriminalist). Helga Erl (Fachpsychologin für Rechtspsychologie) und Eline Maltis (Traumaüberlebende) verdeutlichen, daß sich auch in diesem Bereich etwas ändert. Die Referate könnten Rechtsanwälte und andere Profis und HelferInnen durchaus ermuntern, Betroffenen auch in diesem Bereich beizustehen.

Der Abschlußteil ('Es geht nur gemeinsam') tritt ein für interdisziplinäre Vernetzung von HelferInnen und Betroffenen/Überlebenden und beschließt dieses wunderbare Buch mit grundsätzlichen Überlegungen zu Subjektivität und Vertrauen, zur Normalität von Gewalt und einem 'Plädoyer für mehr Raum für Verletzlichkeit'.

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